Ritalin - Häufig gestellte Fragen

Ich bekomme Ritalin verschrieben, weil ich Narkoleptikerin bin. Ritalin wird nur auf Betäubungsmittelrezept abgegeben, was bedeutet, dass man kaum jemanden findet, der es sich auf illegalem Weg beschafft und bereit ist, darüber im Interview Auskunft zu geben. Ich habe in "Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin" ein Kapitel über die Vor- und Nachteile von Ritalin als Mittel gegen die Prokrastination untergebracht und wurde vermutlich deshalb 2009 und 2010 regelmäßig dazu befragt, wenn wieder irgendwer über "Gehirndoping" berichten wollte. Weil ich mich schriftlich etwas kohärenter ausdrücken kann als mündlich, und weil ich mir so künftige Interviewarbeit zu sparen hoffe, hier eine Zusammenfassung:

Wie lange nimmst du schon Ritalin?

Über zehn Jahre.

Wie wirkt Ritalin?

Es macht mich wach und hält mich auch bei langweiligen Beschäftigungen wie Meetings oder beim Autofahren zuverlässig wach. Außerdem ist es Selbstdisziplin und Arbeitseifer in Tablettenform. Dinge, die ich seit Monaten vor mir herschiebe, erledigen sich unter dem Einfluss von Ritalin wie von allein. Das betrifft auch Kleinigkeiten; ohne Ritalin falle ich tagelang über dieselbe mitten in der Wohnung abgestellte Kiste und denke mir dabei nur "Sollte man mal wegräumen". Mit Ritalin schaffe ich die Kiste sofort und ohne nachzudenken weg, und noch drei andere dazu.

Wegen einer Nachfrage im Kommentar: Ich muss nicht oft Auto fahren, in Meetings oder in Vorträgen sitzen. Meistens nehme ich Ritalin nicht, weil ich dringend wach bleiben müsste (mein Büro hat ein Schlafsofa, das auch von den Kollegen gern genutzt wird), sondern zur Erzeugung von Tatendrang. Vielleicht bin ich einfach ein wenig kistenwegräumfreudiger Mensch, vielleicht hat mein geringer Trieb, langweilige Dinge zu tun, aber auch mit der Narkolepsie zu tun, das weiß ich nicht. Mir scheint, dass es so eine Art Müdigkeits-Kontinuum gibt, an dessen einem Ende Schläfrigkeit und unweggeräumte Kisten stehen, am anderen Ende Wachheit und Tatendrang.

Wirkt das bei allen so?

Nein. Im Zusammenhang mit ADHS heißt es (Quelle vergessen; reiche ich nach, wenn ich sie wiederfinde), dass 30 Prozent aller Patienten von Ritalin nicht profitieren. Und meine Bekannten mit Ritalinerfahrung reagieren sehr unterschiedlich auf sehr unterschiedliche Dosierungen. In meinem Kopf geht es schon nach einer halben Tablette (5 mg) zu wie in einem Bienenstock, andere Leute können fünf Stück nehmen, sich hinlegen und einschlafen. 

Ich habe gelesen, dass das vielleicht nur ein Placeboeffekt ist.

Ich wüsste gern, wo die Fragenden das immer lesen. Ich habe bisher keine Veröffentlichung gefunden, die die Wirkung von Ritalin auf einen Placeboeffekt zurückführt. Sagen wir so: Wenn eine Chemikalie sich einen gewissen Ruf als Partydroge erarbeitet, dann ist sie in der Regel nicht einfach durch eine Zuckerpille zu ersetzen. 

Musstest du im Laufe der Jahre die Dosis erhöhen?

Nein.

Nimmst du täglich Ritalin?

Nein. Viel zu anstrengend. (Das liegt nicht an der Arbeit, die macht unter Ritalin Spaß. Aber ich fühle mich währenddessen den ganzen Tag, wie man sich im Kino in dem Moment fühlt, in dem das Alien-Monster aus den Kulissen springt.)

Hast du keine Angst, Ritalin könnte langfristig irgendwas mit dem Gehirn anrichten?

Ritalin gibt es in Deutschland seit 1954. Bis 1971 war das Medikament rezeptfrei. Wenn es Löcher ins Gehirn fressen würde, hätte man das mittlerweile vermutlich gemerkt. Die derzeitige "Aber man weiß doch gar nicht!"-Debatte bezieht sich auf Schulkinder, die viel häufiger als früher ADHS diagnostiziert und Ritalin verschrieben bekommen. Dass Ritalin aufs heranwachsende Gehirn andere Auswirkungen hat als aufs Gehirn Erwachsener, ist theoretisch denkbar; meines Wissens hat man aber auch hier bisher nichts Eindeutiges herausgefunden.

(Update: Noch mal bei PubMed nachgesehen, Stand der Forschung scheint tatsächlich zu sein "die einen sagen so, die anderen sagen so, aber von Lochfraß ist uns jedenfalls bisher nichts bekannt".)

Was sagst Du zu den Nebenwirkungen von Ritalin? Also Schlaflosigkeit, Depression, Appetitlosigkeit und was man nicht alles hört.

Klarstellung wegen Kommentarnachfrage: Alle hier beschriebenen Nebenwirkungen stellen sich während der paar Stunden ein, in denen das Ritalin wirkt, und verschwinden danach wieder. Es handelt sich nicht um einen dauerhaften Gehirnumbau; zumindest weiß ich davon nichts (und die Forschungsliteratur auch nicht).

Schlaflosigkeit ist ja in meinem Fall nicht direkt eine Nebenwirkung, sondern eigentlich das, was ich erreichen will :) Aber, ja, Ritalin ist kein Zuckerschlecken. Hauptnachteile: Es macht mich noch viel ungeduldiger als sonst. Es erzeugt eine anlasslose Nervosität, die der Kopf dann durch irgendwas zu begründen versucht ("Rucksack mit Notebook drin! Könnte geklaut werden! Besser alle 30 Sekunden hinschauen!"), und das, obwohl ich ansonsten ein recht sorgloser Mensch bin. Bei Veranstaltungen wie Meetings oder Podiumsdiskussionen, an denen ich ohne Ritalin gar nicht teilnehmen könnte, fällt es mir sehr schwer, mich in der Diskussion zurückzuhalten, anderen nicht ständig ins Wort zu fallen und generell einfach mal die Klappe zu halten.

In Kombination mit Alkohol, wie es leider gerade bei offiziellen Anlässen (Lesung oder Podiumsdiskussion, danach mit dem Veranstalter ins Restaurant) vorkommt, liege ich danach schlaflos wach, denke zwanghaft über alles nach, was ich im Laufe des Abends Falsches gesagt habe, und halte mein Leben für verpfuscht. Inzwischen stört mich das nicht mehr so, weil ich es als Ritalinnebenwirkung erkenne und einordnen kann. Schlaflosigkeit ist zum Glück kein Problem, wenn man weder feste Arbeitszeiten noch Kinder hat. Man schläft dann halt, wenn es geht, und ist wach, wenn es nicht geht.

Ein anderer Satz Nebenwirkungen ist in diesem Kommentar beschrieben.

Es heißt ja, in Deutschland betrieben Millionen "Gehirndoping". Gibt es in deinem Freundeskreis andere Menschen, die regelmäßig Ritalin oder ähnliche Medikamente einnehmen?

Es gibt diese Millionen nicht. Das Gerücht geht auf den Gesundheitsreport 2009 der DAK zurück, der in den Medien fast immer falsch wiedergegeben wurde, reichlich Beispiele bei Google. "Zwei Millionen gesunde Menschen greifen laut der Krankenkasse DAK zu aufputschenden oder beruhigenden Pillen – für bessere Leistungen im Job" ist ein typisches Beispiel von Zeit Online. Liest man die Studie, dann steht darin Folgendes: 17% der 3.017 für die Studie befragten Personen haben "Medikamente zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit oder psychischen Befindlichkeit bereits eingenommen", allerdings zu drei Vierteln auf Anraten des Arztes wegen spezifischer Beschwerden (und diese Beschwerden sind mehrheitlich Depressionen und Angst). Nur knapp 5% der Befragten "geben an, dass sie die Medikamente ohne medizinische Notwendigkeit einnehmen bzw. eingenommen haben". Auch hier meinen allerdings wiederum 87% dieser Gruppe keineswegs Aufputschmittel, sondern Antidepressiva und angstlösende Mittel.

Es sind letztlich ungefähr 18 von 3.017 Befragten, die ohne Rezept Mittel gegen Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen einnehmen, also etwa ein halbes Prozent. Bei 40 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland wären das etwa 200.000 Personen. Und da ein BTM-Rezept weder leicht zu fälschen ist noch Ritalin oder Modafinil leicht im Internet zu bekommen sind, gehe ich davon aus, dass die Mehrheit dieser 200.000 Personen sich einfach hin und wieder in der Apotheke Koffeintabletten oder Quatsch mit Ginseng holt (nach dem genauen Medikament war nicht gefragt worden.) Methylphenidat (also Ritalin) auf Rezept bekamen übrigens 0,04 Prozent der DAK-Versicherten, "Zahlen, die die Hypothese bezüglich verordnetem 'Doping am Arbeitsplatz' nicht gerade stützen", heißt es in der Studie.

Ist das nicht ungerecht? Manche arbeiten dank Medikamenten konzentrierter und schneller, andere müssen ohne zurechtkommen?

  • Bei Narkoleptikern und Menschen mit ADHS, den beiden Gruppen, die Ritalin verschrieben bekommen, geht man davon aus, dass sie erst durch das Medikament überhaupt eine ähnliche Arbeitsfähigkeit wie Gesunde erreichen. Ob das stimmt, kann ich mangels Vergleich nicht beurteilen, ich stecke halt nur in meinem Körper drin, und dass ich keine Narkolepsie hatte, ist schon zu lange her.
  • Vieles im Leben ist ungerecht. Jeder Zentimeter zusätzliche Körpergröße erhöht das Einkommen. Intelligenz ist ungleichmäßig verteilt. Kinder reicher Eltern studieren häufiger als Kinder armer Eltern. Eine Dosis des generischen Ritalinäquivalents, das ich einnehme, kostet 17 Cent. Davon nehme ich manchmal zwei am Tag, das sind 34 Cent. Mir kommt das wie ein für alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen leicht (abgesehen von der derzeitigen Gesetzeslage, dazu weiter unten mehr) und billig zu erlangender Vorteil vor.

Wird dadurch nicht die Latte für alle höher gelegt? Und dann ist es eben nicht mehr die Entscheidung jedes Einzelnen, ob er ein Medikament einnehmen will?

  • Beispiel Brillen: Heute wird Sehschärfe vorausgesetzt und ist Standard, und man braucht sie auch viel dringender als früher, weil es mehr Kleingedrucktes, Handydisplays etc. gibt. Hat deshalb jemand argumentiert "Brillen dürfen gar nicht eingeführt werden, das hängt die Latte der Sehschärfe für alle höher"?
  • Der Einwand ist so beliebt, weil es sich um eine Substanz handelt. Stellen wir uns vor, die Rede wäre von einer Fähigkeit, zum Beispiel dem Umgang mit Computern oder der Beherrschung der englischen Sprache. Gleich wirkt das Argument weniger einleuchtend. Warum?

Macht Ritalin zu einer unkreativen Arbeitsameise? Kann man unter seinem Einfluss nur noch die Papiere für die Steuer sortieren?

Ich habe den Eindruck, unter dem Einfluss von Ritalin immer ganz gute Ideen zu haben. Natürlich ist Skepsis geboten, wenn man unter dem Einfluss irgendwelcher Drogen gute Ideen zu haben glaubt. Aber zumindest stelle ich nicht am nächsten Tag fest, dass der gestern geschriebene brillante Text in Wirklichkeit schlampig recherchierter Schrott ist (beziehungsweise natürlich doch, aber das geht mir ohne Ritalin genauso). Außerdem hilft Ritalin dabei, gute Ideen nicht nur zu haben, sondern sie wenigstens manchmal auch umzusetzen.

Leistungsgesellschaft, etc., etc. ...

  • Tatsächlich ist die Arbeit unter Ritalin ja weniger stressig und dauert kürzer.
  • Ich halte es für einen Vorteil, mir Selbstdisziplin und Fleiß eben nicht auf die herkömmliche Weise durch Totalumbau der Persönlichkeit aneignen zu müssen, sondern sie bei Bedarf aus einer Schachtel zu nehmen.
  • Die Alternative zu Ritalin und ähnlichen Medikamenten ist ja nicht etwa die Abschaffung der Leistungsgesellschaft. Wer den Gebrauch solcher Mittel verbieten will, der sagt nichts anderes als: Die Leistungsgesellschaft ist eine Tatsache, an der wir nichts ändern werden; wir enthalten dir aber auch die Mittel vor, die dir dabei helfen könnten, leichter mit den Anforderungen dieser Gesellschaft zurechtzukommen.

Findest du, Ritalin sollte rezeptfrei abgegeben werden?

Ja. In einer besseren Welt sollte man nicht nur zu Tchibo gehen und dort beliebig viele Kilo Kaffee kaufen, sondern auch wesentlich mehr Chemikalien rezeptfrei in der Apotheke erwerben können. Neben den gängigen Drogenfreigabe-Argumenten, die Felix Neumann viel klüger und ausführlicher zusammengefasst hat, als ich es könnte, bitte auch diesen interessanten Neuroskeptic-Beitrag über Commercialization vs. Medicalization beachten.

Hast du Erfahrung mit Modafinil?

Fast keine. Modafinil beeinträchtigt die Wirkung der Pille. Bitte jemand anderen fragen.

Kind, musst du dich denn die ganze Zeit öffentlich über Ritalin äußern? Kannst du nicht lieber über Literatur reden oder so? Die Nachbarin hat dich neulich wieder im Fernsehen gesehen und gar nicht verstanden, wieso du Werbung für die Pharmaindustrie machst.

Einer muss es halt machen, Mutter. Ritalin hat eine absurd schlechte Presse. Ich finde diese "Es ist ein Medikament! Es macht was mit dem Kopf! Also ist es böse!"-Haltung irrational und falsch. Und ich glaube, die Ritalinfrage ist Teil einer größeren Diskussion um das, was wir mit unseren Köpfen machen können, dürfen und sollen.

 

An mehr Fragen kann ich mich gerade nicht erinnern, werde diesen Beitrag aber bei Bedarf erweitern und ergänzen. Vielleicht hat ja auch noch jemand Fragen in den Kommentaren, auf die die Journalisten, mit denen ich bisher zu tun hatte, noch gar nicht gekommen sind.

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